November

Pflanze des Monats November 2014Der Moor – Gagelstrauch

 

 

Botanischer Name: Myrica gale L. Syn.: Gale palustris (Lam.) Chec.

Deutscher Name: Moor- Gagelstrauch, Brabanter Myrte

Pflanzenfamilie:        Myricaceae ( Gagelstrauchgewächse)

Heimat/Geschichte:
Der Moor-Gagelstrauch ist in Europa, Asien und Nordamerika beheimatet.
Die Myrica pensylvanica Lois., eine nahe Verwandte die hier im Botanischen Garten am Warmwasserteich steht, hat ihr Verbreitungsgebiet von Neufundland bis New York und Maryland, meistens entlang der Ostküste Amerikas.
Hier soll aber Myrica gale vorgestellt werden, die im Botanischen Garten im Moor- und Heidebeet zu finden ist. Ihr heutiges Vorkommen an isolierten Orten deutet auf  eine frühere  weite Verbreitung hin. Schon aus der mittleren Kreidezeit kennt man fossile Myricaceaen. Der Moor-Gagelstrauch bildete und bildet  waldartige Bestände in atlantischen Heidemooren.
In der atlantischen Küstenzone von Südfrankreich über Holland, England, Norddeutsch-land, Finnland, war er bis Kamtschatka anzutreffen. Er übersteht sogar starke
Winterfröste.
Heute befindet er sich auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten. Er ist selten geworden.
Bei uns war der Strauch im Mittelalter in den niederrheinischen Torfsümpfen sehr ver-breitet. Es gibt heute noch Gagelbestände in einem schmalen Streifen von Schleswig-Holstein entlang der Ostsee bis nach Ostpreußen.
Für unsere Region interessant ist aber ein noch zahlreiches Vorkommen in den moorigen Gebieten der Hildener Heide und im Richrather Moor. Als besonders schön gilt in Fachkreisen der Bestand bei Haan.

Botanik: 
Die Gattung Myrica L., Gagel gehört zur Familie der Myricaceaen oder Gagelgewächse. Die ca. 50 Arten kommen in den gemäßigten und subtropischen Zonen vor. Myrica gale , einzig in Europa übriggebliebene Art, wächst wie schon angegeben als charakteristischer Strauch in kühlen, luftfeuchten Lagen der atlantischen Heidemoore mit saurem Boden, auch auf sandig-humosem Boden. Er ist eine relativ schnellwüchsige sommergrüne, stark verzweigte Pflanze, die bis zu 2 m hoch werden kann.
Der Gagelstrauch ist zweihäusig. Es gibt also weibliche und männliche Pflanzen.
An manchen warmen Tagen kann man ihn schon aus einiger Entfernung riechen, da er einen starken aromatischen Duft verströmt. Der Duft ist mit keinem bekannten Gewürzduft vergleichbar.
Der Strauch enthält in all seinen Teilen giftige Alkaloide.
Ende März, Anfang April erscheinen vor dem Blattaustrieb an den Spitzen der kahlen, dunkelbraunen Äste rostrote Blüten. Die Gagelstrauchbestände haben dann eine irritierende Herbstfärbung. Bei näherem Hinsehen erkennt man die rotgerandeten kleinen männlichen Blüten, die an Weiden- oder Birkenkätzchen erinnern. Sie werden etwa 15 mm lang und hängen in walzenförmigen Ähren mit zahlreichen kurzen Staubfäden am Strauch. Die weiblichen Blüten sind grün-braun, köpfchenförmig  und sind kleiner als die männlichen Blüten. Sie haben eine lange, gespaltene purpurne Narbe. Eine echte Blütenhülle fehlt. Dagegen sind die Blüten gewöhnlich von mehreren Vorblättern umgeben und geschützt. Erst nach der Blüte wachsen die wechselständigen, ungeteilten stumpf-lanzettlichen Blätter. Sie sind 5 cm lang und 1,5 cm breit. Auf der Oberseite sind sie dunkelgrün und auf der Unterseite wesentlich heller. Beiderseits sitzen goldgelb glänzende Öldrüsen, die den Duft erzeugen.
Die sich entwickelnden einsamigen Steinfrüchte sind goldbraun, dreizipflig durch ver-wachsene Vorblätter, kugelig. Der goldene Schimmer auf den kleinen Früchten entsteht durch eine Ansammlung von winzigen Harztröpfchen. Wie bei der Erle wachsen beim Gagelstrauch an den Seitenwurzeln stickstoffbindende Knöllchen.
Myrica gale ist eine bemerkenswerte, in heutiger Zeit selten gewordene und vergessene Pflanze, die zu Recht unter Artenschutz gestellt wurde. Schon Otto Warburg (s. Quellen-angabe) beklagt 1923, dass in den europäischen Mooren nur noch eine Art kümmerlich ihr Leben fristet.

Standort/Verwendung: 
In kulturgeschichtlicher Hinsicht hat der Moor-Gagelstrauch eine große Rolle gespielt.
Man verwendete ihn als Heil- und Zauberpflanze, als Mittel gegen Ungeziefer, als würzenden und berauschenden Zusatz zum Bier. Die Rinde wurde in der Gerberei eingesetzt. Die Knospen lieferten gelben  Farbstoff. Als Tee wurde er zur Magenstärkung getrunken.
Seit dem Mittelalter wurden die jungen Blätter oft anstelle von Hopfen in der Bier-Brauerei   genommen. Es wurde das „ Gagelkrautbier“ gebraut. Die Bezeichnung „Grut“ deutet auf den Gagelstrauch hin. „Grut“ ist ein Gemisch zerkleinerter, getrockneter Gewürzpflanzen. Das Grutbier mit dem herben Geschmack der Gagelblätter bezeichnete man auch als Gruit, Grus, auch Kruth. Köln war ein Zentrum der Grutbrauerei. Ein „Gruithaus“ war ein Brauhaus und „Gruitgeld“ eine Biersteuer. In Haan wurde urkundlich  nachweisbar ab 1386 n. Chr. auf den Höfen selbstgebrautes Bier angeboten.
Der Name Krutscheid und der des Ortes Gruiten leiten sich wahrscheinlich von „Grut“ ab. „Flohkrut“ weist auf die Vertreibung von Ungeziefer hin. Man setzte es vor allem auch gegen Motten ein.
Bei Bremen wurde der Strauch „Bäckerbusch“ genannt. Die Bäcker gebrauchten ihn wegen seines starken Duftes zur Vertreibung von Grillen in den Backstuben.
Das griechische Wort „myrike“ ist der alte Name für einen Strauch. Und „Gagel“ kommt von dem keltischen „gal“ = Salbe. Das ebenfalls griechische Wort „myron“ heißt Balsam. Wegen der Verwendung und des Standortes wird der Gagelstrauch auch Sumpfmyrte, Heidemyrte oder Brabanter Myrte genannt.
Über die Pflanze Myrica gale ist aber trotzdem noch zu wenig  und Widersprüchliches bekannt.

Text: Barbara Lawatsch 11/03

Fotos: Dirk Derhof

Quellenangabe:
Die Pflanzenwelt, Prof. Dr. Otto Warburg, Bibliographisches Institut, Leipzig 1923
Pareys Blumengärtnerei, Verlag Paul Parey in Berlin und Hamburg 1958
Ulmers Pflanzenmagazin, Gartenpraxis 11/1995, Verlag Eugen Ulmer Stuttgart

http://www.agnu-haan.de/972_gage.htm