September

Pflanze des Monats September 2011 – Tollkirsche


Botanischer Name:
Atropa belladonna L.

Deutsche Namen: Judenkernlein, Judenkirsche, Rasewurz,
Schlafkirsche, Schwarzber, Teufelsauge,
Teufelsberi, Teufelskirsche, Tintenbeer,
Todeskraut, Tollbeere, Tollkraut,
Waldnachtschatten, Wolfsbeere,
Wolfskirsche

Englischer Name: deadly nightshade

Pflanzenfamilie: Solanaceae (Nachtschattengewächse)


Heimat/Geschichte:

Das Verbreitungsgebiet der Atropa belladonna L. erstreckt sich von Skandinavien, West- und Südeuropa und den Balkan über Kleinasien bis nach Nordafrika und den Iran.
Die Tollkirsche bevorzugt Habitate mit Kalk-, Porphyr- und Gneisböden. Oft zu finden ist sie auf Waldlichtungen von Laub- und Nadelwäldern, an Waldrändern und auf Brachflächen bis in Höhenlagen von 1700 Meter. Neben der Tollkirsche siedeln sich Walderdbeeren, Hain-Kletten, die Späte Wald-Trespe, die Lanzett-Kratzdistel, die Kleinblütige Königskerze, Himbeeren, Roter Holunder, Waldweidenröschen und Große Brennnessel an.
Im 19. Jahrhundert wurden Wurzel- und Krautextrakte zur Behandlung von Gelbsucht, Wassersucht, Keuchhusten, Nervenkrankheiten, Scharlach und Epilepsie verwendet.
In Rumänien glaubt man noch immer, dass die Tollkirsche im Garten der Sitz des Hausgeistes ist.

Im Mittelalter war die Tollkirsche ein Hauptbestandteil der Hexensalbe; die wirksamen Bestandteile wurden nämlich auch durch die Haut resorbiert. Die Wirkung war eine Betäubung verbunden mit schönsten Träumen, die dermaßen intensiv erlebt wurden, dass die Anwender von der Wirklichkeit des Geträumten überzeugt waren und einen Realitätsverlust erleideten. In einigen Alpenländern war es üblich, den Tollkirschextrakt zu Bier, Wein und Branntwein zu mischen, um die berauschende Wirkung des Gebräus zu steigern. Der Saft der reifen Beere wurde zum Weinfärben verwendet.


Botanik:

Von einem ausdauernden, dicken, mehrköpfigen Wurzelstock treibt die Tollkirsche jedes Jahr einen bis zu 2 m hoch werdenden stumpfkantigen Stängel, der sich erst in etwa 1 m Höhe verzweigt. Dem Habitus nach sieht Atropa wie ein Strauch aus. Da der Hauptstamm aber nicht verholzt, spricht man hier von einer Staude. Nahezu alle Zweige breiten sich waagerecht aus, was ermöglicht die Pflanze eine großmögliche Lichtausbeute. Die Laubblätter sind eiförmig, elliptisch, ganzrandig, zugespitzt und mit einem leichten Flaum überzogen. Sie werden bis zu 15 cm lang und 8 cm breit. Eigentlich entspringen alle Laubblätter wechselständig. Durch Verschiebungen rückt das Tragblatt des Blütensprosses aber in direkte Nachbarschaft der Blütenknospe, die in der Achsel eines eigenen kleinen Tragblattes entspringt. So ergibt sich das eigenartige Bild, dass an den „Ecken“ der schwach zickzackförmigen Zweige immer zwei Laubblätter stehen, und zwar jeweils ein größeres und ein kleineres.

Die einzelnen, an längeren Stielen überhängenden Blüten haben einen fünfspaltigen Kelch und eine glockig röhrige etwa 3 cm lange Blütenkrone, die außen braun-violett und innen schmutzig-gelb mit purpurroten Adern gefärbt ist. Der Saum der Blütenkrone wird von fünf abgerundeten, etwas zurückgerollten Lappen gebildet. Ein zweispaltiger Griffel überträgt fünf wandständige Staubblätter.

Aus dem zweifächrigen Fruchtknoten entwickelt sich eine kugelige, kirschgroße, saftige, glänzende, schwarze Beere, die zahlreiche nierenförmige Samen mit einer wabenartigen Oberflächenstruktur enthält. Von Juli bis September sieht man an einer Staude Blüten, unreife und reife Früchte gleichzeitig.

Die Gattung Atropa umfasst 5 Arten, die von Westeuropa bis zur Mongolei verbreitet sind. In Mitteleuropa gibt es nur die eine Art Atropa belladonna, die selten in einer Abart – var. Flava – mit gelblichgrünen Blüten und gelben Beeren vorkommt. Man findet die Tollkirsche in Schlagfluren, auf Kahlschlägen und an Waldrändern, bevorzugt auf kalkhaltigen, humusreichen oder reinen Tonböden.


Inhaltsstoffe und Verwendung:

Die Giftigkeit der Tollkirsche ist schon seit dem Altertum bekannt. Bereits die Zauberinnen in den Sagen des griechischen Altertums (KIRKE und HEKATE) waren mit den berauschenden, erregenden und tödlichen Wirkungen dieser Pflanze wohl vertraut. Bei THEOPHRAST hieß die Pflanze „mandregora“, HILDEGARD v. BINGEM bezeichnete sie als „dolo“.

Die Giftwirkungen sind auf das Vorhandensein von stark wirkenden Alkaloiden der Tropanreihe zurückzuführen, wobei die optische Aktivität des Moleküls eine Rolle spielt. Das Hauptalkaloid ist das L-Hyoscyamin, das zum Teil bereits beim Trocknen in das optisch inaktive Atropin (=DL-Hyoscyamin) übergeht. Daneben kommt in unterschiedlicher Konzentration auch das Scopolamin vor.

Atropin und Hyoscyamin besitzen parasympatolytische Eigenschaften: Einschränkung der Tätigkeit von Schweiß-, Speichen- und Bronchialdrüsen; Hemmung der Mobilität des Magen-Darm-Kanals; Erschlaffung glattmuskeliger Hohlorgane wie Gallen- und Harnblase. Dazu kommen Wirkungen auf das Zentralenervensystem. Während Hyoscaymin erregend auf die Großhirnrinde wirkt, übt Scopolamin in niedriger Dosierung einen motorisch dämfenden, aber halluzinogenen Einfluss aus und führt in höherer Dosierung zu einem Dämmerschlaf.

Vergiftungen treten überwiegend durch die Aufnahme der reifen Früchte auf, wobei 2 bis 5 Beeren für ein Kind und 10 bis 20 Beeren für einen Erwachsenen die tödliche Dosis bedeuten. Besonders Kinder kann man nicht oft genug warnen und auf die Unterschiede zwischen Eßkirschen mit Steinkern, ohne ansitzenden Kelch und mit langem Stiel einerseits und Tollkirschbeere mit vielen Einzelsamen, breitem ansitzenden Kelch und relativ kurzem, dickem Stiel andererseits hinweisen.

Die viel wichtigsten Symptome nach Ingestion mit atropinhaltigen Pflanzenteilen sind a) Rötungen des Gesichts, b)Trockenheit der Schleimhäute, c) Pulsbeschleunigung und d) Pupillenerweiterung. Bei höheren Dosen treten dann Erscheinungen von Seiten des Zentralennervensystems in den Vordergrund: allgemeine Erregung nicht selten auch in erotischen Hinsicht, psychomotorische Unruhe, Weinkrämpfe rededrang, Halluzinationen und Todessuchtanfälle. Die Schmerzempfindlichkeit ist stark abgeschwächt. Es wird von Soldaten Napoleons berichtet, die nach dem Genuss von Tollkirschen nicht merkten, dass sie sich mit ihren Pfeifen verbrannten. Der Tod tritt im Koma durch Atemlähmung ein.

Unter besonderen klimatischen Bedingungen können selbst therapeutische Dosen zu einem gefährlichen Gift werden. Die Drosselung der Schweißdrüsenaktivität macht dem Körper im tropischen Klima eine Wärmeregulierung unmöglich, sodass der Exitus weniger durch Atemlähmung als vielmehr durch Wärmestau und Hitzschlag droht. Es wird von Todesfällen bei Kindern in Bagdad nach der Gabe von wenigen Tropfen einer 1%igen Lösung als Augentropfen berichtet.

Eine sofort eingeleitete Therapie kann lebensrettend sein. Wichtig ist das Auspumpen des Magens mit Wasser und Aktivkohle. Der Schlauch muss dabei gut eingeölt sein, da die Schlingmuskelatur weitgehend ausgefällt. Salzwasser als Brechmittel ist die erste Maßnahme. Beruhigungsmittel sollen im Excitationsstadium gegeben werden. Ein spezifisches Antidot ist das Physostigmin.

In der Allopathischen Therapie werden Atropa – Alkaloide bei Augenentzündungen oder als krampflösendes Mittel bei Asthma und Darmkoliken eingesetzt. In der Homöopathie wird Belladonna bei Epilepsie, Krämpfen, Entzündungen oder Fieber verwendet.


Kulturansprüche:

Wie aus der Beschreibung der natürlichen Standorte hervorgeht, liebt diese Pflanze sonnige bis halbschattige Plätze, verträgt aber auch Belaubung. Der Boden sollte kalk- oder basenreich und wasserbindig sein allerdings sollte man wegen der hohen Giftigkeit und der damit verbundenen Gefährdung darauf verzichten, diese Pflanze zu kultivieren oder als Zierpflanze anzubauen.


Artenvielfalt im Botanischen Garten Wuppertal:

Neben der in Mitteleuropa häufigen Art Atropa belladonna L. gibt es die oben erwähnte gelbe Varietät var. lutea DÖLL.
Aus dem Himalaya stammt Atropa acuminata ROYLE ex LINDL., ebenfalls mit gelben Blüten und Gelben Beeren.


Text: 
Barbara Lawatsch 7/11

Foto: Prof. Dr. Manfred Brusten


Quellenangabe:

FROHNE. D. & H.J. PFÄNDER (1987): Giftpflanzen, 3. Auflage. Stuttgart.

HEGI, G. (Hrsg.) (1927/1964): Illustrierte Flora von Mitteleuropa, 2. Aufl. Bd. V/4. München

http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Tollkirsche